Medienpädagogik setzt es sich grundlegend zur Aufgabe, Erziehungs- und Bildungsprozesse verantwortungsvoll zu begleiten, sie betrachtet Mediennutzer als aktive Rezipienten und fordert Partizipation. (vgl. Neuß, „Warum Medienpädagogik, abger. am 30.9.11: http://www.gmk-net.de/index.php?id=260) Ziel ist ein mündiger und emanzipierter Medienhandelnder.
Um das zu erreichen muss eine moderne und praxisgerechte medienpädagogische Arbeit, die sich an den Mediennutzern orientiert, auch aktuelle Medienentwicklungen und das damit verbundene Medienerleben und Medienhandeln sinnvoll in die inhaltliche und didaktische Konzeption einbinden sowie vorhandene Verknüpfungen aufgreifen. In diesem Zusammenhang steht im Moment insbesondere das Web 2.0 im Fokus.
Häufig werden in der Öffentlichkeit zuerst die Gefahren von neuen Entwicklungen und Web 2.0-Anwendungen diskutiert. Von Datenschutzfragen bei Facebook und Co. über juristische Unschärfen bis hin zum so genannten „Happy Slapping“. Das Aufgreifen dieser problematischen Aspekte ist zweifellos wichtig. Auf der anderen Seite verstellen sie oft den Blick auf die Chancen, welche diese aktuellen Entwicklungen ebenfalls eröffnen.
Fachtagung zu Praxis-Tools in Dresden
So ergeben sich aus dem Web 2.0 bisher ungeahnte Möglichkeiten für kollaboratives Lernen, Produzieren
und Arbeiten. Diese Potentiale standen auch im Mittelpunkt einer Fachtagung Ende September in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Dresden. Referent war der bekannte Medienpädagoge Jürgen Ertelt, der unter anderem für IJAB im Projekt „ePartizipation – Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“ tätig ist. Ertelt stellte zum Beispiel vor, wie Facebook und Twitter durch aktives „netzwerken“ echten Mehrwert für den einzelnen Nutzer generieren können. Er selbst hat bei Twitter weit über 2.000 Follower. E
benso diskutierte er mit den medienpädagogischen Fachkräften aus Sachsen über Möglichkeiten des Einsatzes von so genannten QR-Codes für die medienpädagogische Praxis. Der QR-Code ist ein zweidimensionaler Strichcode, der innerhalb eines Quadrates durch schwarze und weiße Punkte dargestellt wird. Er erlaubt die Verschlüsselung von Zahlen und Buchstaben. Er kann mit Handykameras eingelesen und decodiert werden, die Software ist frei verfügbar. Einfach ausprobieren: Den Link zur Twitter-Seite von Jürgen Ertelt gibt es hier in Form eines QR-Codes.
Nachfolgend werden drei weitere einfache Werkzeuge vorgestellt, die sich in der medienpädagogischen Praxis bereits bewährt haben.
Kollaboratives Verfassen von Texten: EtherPad
EtherPad ist ein webbasierter Editor, bei dem mehrere Leute gleichzeitig an einem Textdokument arbeiten können. Änderungen werden in Echtzeit bei jedem der Beteiligten auf dem Bildschirm angezeigt (jeder Autor ist mit einer eigenen Textfarbe markiert). Damit ist EtherPad eine tolle Möglichkeit zur kollaborativen Erarbeitung von Texten. Mit Hilfe einer Zeitleiste besteht stets ein Zugriff auf ältere Textversionen und Änderungen können zurückverfolgt werden. Im medienpädagogischen Bereich ist eine Anwendung beispielsweise bei der Erstellung von Sendungsinhalten und Drehbüchern sowie für Ideensammlungen denkbar. iEtherPad ist kostenfrei.
Gemeinsam Themen und Strukturen entwickeln: MindMeister
Ein Online-Tool, das sich zum Brainstorming oder zur Planung von Inhalten und
Veranstaltungen eignet ist MindMeister. Ideen und Strukturen lassen sich einfach visualisieren und weiterentwickeln. Jede Mindmap kann über eine E-Mail oder über einen sicheren Link mit beliebig vielen Leuten geteilt werden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Anmerkungen über einen Live-Chat auszutauschen. Ebenso wie bei EtherPad werden Änderungen in Echtzeit dargestellt und alle älteren Versionen sind in einer Historie verfügbar. Neben einer kostenfreien Basic-Version von MindMeister gibt es auch drei kostenpflichtige Varianten mit unterschiedlichen Monatsbeiträgen.
Foto- und Audiomaterial online bearbeiten
Aber nicht nur Texte lassen sich Online gemeinsam gestalten. Die Plattform Picnik zum Beispiel erlaubt das Bearbeiten von Fotos mit einer Vielzahl von Möglichkeiten. Eine detaillierte Nachbearbeitung von Farben und Kontrasten ist in der kostenlosen Basisversion ebenso gegeben wie eine riesige Auswahl an Effekten. Ein Tool zur Erzielung einer ganz besonderen Wirkung bei Fotos ist TiltShift. Durch spezielle Filter erhalten die Bilder einen Miniatureffekt, der ein wenig an die Modelleisenbahn erinnert, aber durchaus Charme hat. TiltShift ist auch für Videos einsetzbar. Und auch für die Bearbeitung von Audiomaterial gibt es bereits eine Online-Lösung. Der Aviary Audio Editor eignet sich zum Schneiden und Zusammenstellen von Soundaufnahmen. Die wesentlichen Grundfunktionen eines konventionellen Audioschnittprogramms sind vorhanden. Auch die Zusammenstellung von Beiträgen oder kleinen Hörspielen im Mehrspurmodus ist möglich.
Diese drei Anwendungen geben einen kleinen Einblick in die Potentiale des Web 2.0 für die medienpädagogische Praxis und stehen exemplarisch für die vielen neuen Möglichkeiten zum kollaborativen Arbeiten, die sich mit dem Internet entwickeln.
Fast alles spielt sich dabei in der „Cloud“ ab. Anwendungen belasten also nicht die Rechenkapazität des eigenen Computers, sondern laufen komplett Online. Eine gute Internetverbindung vorausgesetzt ist der Zugriff auf Daten und Services von jedem mobilen Endgerät jederzeit gewährleistet. Und wir sind längst nicht am Ende der Entwicklung. Mit stetig wachsenden Bandbreiten und immer neuen Möglichkeiten von Social Software können wir uns noch auf viele revolutionäre Ideen freuen.
Linktipps
Kollaboratives Verfassen von Texten: http://openetherpad.org/
Jürgen Ertelt bei Twitter: http://twitter.com/ertelt
Jürgen Ertelt bei Facebook: http://de-de.facebook.com/ertelt
Mindmaps gemeinsam erstellen: www.mindmeister.com
Weitere Informationen zu QR-Codes: http://www.qrcode-generator.de/
Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung: www.slpb.de
Weitere Praxisideen für Medienpädagogik: www.medienpaedagogik-praxis.de
Bilder Online bearbeiten: www.picnik.com
Miniatureffekte für Fotos erzielen: http://tiltshiftmaker.com/
Audiomaterial Online bearbeiten: http://www.aviary.com/online/audio-editor